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© Die Wochenzeitung; 08.09.2011; Ausgabe-Nr. 36; Seite 21
Kultur / Wissen
SVP-Werbung


Ein Kino in der Kritik


Das Kino Riffraff ist für viele Cinephile eine Alternative zu den grossen, kommerziellen Filmpalästen Zürichs. Seit Mitte August flimmert hier ein Wahlspot der SVP über die Leinwand. Dies sorgt für Aufruhr: Angestellte und KinobetreiberInnen wurden laut eigenen Aussagen mit «Protestmails, Beschimpfungen und Wandschmierereien» konfrontiert.

Letzten Sonntag waren im Riffraff zwei Dokumentarfilme angekündigt: «Kein Mensch ist illegal» von Tina Bopp und Simon Labhart, der das (Über-)Leben abgewiesener Asylsuchender in der Schweiz zeigt, sowie «Edu­cation is not for sale» von Christian Labhart, ein Porträt der StudentInnenbewegung «Unsere Uni». Im Anschluss sollte ein Podium zum Thema «Soziale Bewegungen und/vs Parlamentarismus?» stattfinden. Doch aus Protest gegen den Wahlspot der SVP wurde die Vorführung samt anschliessender Podiumsdiskussion in die ­Autonome Schule Zürich (ASZ) verlegt.

Der Boykottaufruf traf das Riffraff nicht unvorbereitet. Nebst den Flyern, die zum Umzug in die ASZ aufriefen, wurde am Sonntag auch die Stellungnahme der Kinobetreiber­Innen verteilt: Es sei ein Grundsatz des Riffraff, die Leinwände für politische Werbung aller Parteien zugänglich zu machen, heisst es da. «Gerade weil wir politisch eigenständig denkende und interessierte Menschen sind und davon ausgehen, dass es unser Publikum ebenfalls ist», präzisiert Riffraff-Betreiber Frank Braun gegenüber der WOZ. In der Stellungnahme des Kinos wird der SVP-Werbespot als lächerlicher «Rohrkrepierer» dargestellt.

Die Argumentation scheint etwas unbeholfen: «Wir zeigen zwar den Spot, wollen euch aber unbedingt mitteilen, dass wir die SVP auch doof finden», liest man zwischen den Zeilen. Wäre es nicht unmissverständlicher zu sagen: «Unser Kino bietet einer hetzerischen, xenophoben Partei keine Plattform»?

Die Stellungnahme des Riffraff schien jedenfalls einen Grossteil des politisch denkenden Publikums der Sonntagsmatinee nicht zu überzeugen: «Dass ich mir den SVP-Quatsch ausgerechnet in diesem Kino auch noch ansehen muss, verstehe ich beim besten Willen nicht», so eine Frau um die fünfzig. Sie folgte mit rund achtzig weiteren Menschen dem Boykottaufruf und besuchte die Film- und Podiumsveranstaltung in der ASZ.

Anja Suter

 

Kein Mensch ist illegal?
Von Michael Sennhauser | 31. August 2011 / 0:38

http://sennhausersfilmblog.ch


Am 13. August kam es zum Schluss des Filmfestivals von Locarno zu einem zunächst fast unbemerkten Eklat. Paulo Branco, Produzent und Jurypräsident, liess sich an der Palmarès-Pressekonferenz über den von seiner Jury übergangenen, aber zum Beispiel von der oekumenischen Jury ausgezeichneten Dokumentarfilm Vol spécial von Fernand Mélgar aus. Er bezeichnete Mélgars Dokumentarfilm über ein Westschweizer Ausschaffungslager für abgewiesesene Asylbewerber als “faschistisch”, weil der Filmemacher Wert darauf legte, das Lagerpersonal nicht zu denunzieren. Im ideologisch fixierten Weltbild des Portugiesen Branco bedeutet eine neutrale filmische Haltung automatisch Kollaboration mit dem Feind (mehr dazu hier in der Zeit). Dabei signalisiert Mélgars Film, wie schon sein Vorgänger La forteresse, die Rückkehr des politischen Dokumentarfilms in der Schweiz. Dass Mélgar, selber Einwanderersohn, bei seinen Filmen auf Parolenausgabe verzichtet, hat nicht wenig zu ihrer Verbreitung und angeregten Diskussion beigetragen. Damit hat Melgar gleichzeitig den Boden bereitet für andere Dokumentarfilmer, auch für solche, die weiter gehen, wie zum Beispiel Simon Labhart und Tina Bopp. Deren Film Kein Mensch ist illegal dokumentiert die Situation der “sans papiers” in der Schweiz, ausgehend von der Besetzung der kleinen Schanze in Bern im Juni 2010. Der Film lässt jene zu Wort kommen, welche juristisch gesehen gar nicht da sein dürften. Dass dabei viel Wut, Angst und Frustration spürbar wird, liegt in der Natur der Sache. Mit diesem Film wäre Paulo Branco wahrscheinlich zufrieden gewesen. Dokumentarfilm kann und muss beides: Dokumentieren und Stellung beziehen. Wo die Sympathien und die Betroffenheit von Labhart und Bopp zu finden sind, steht dabei ausser Frage, schliesslich ist schon der Titel des Films Kein Mensch ist illegal programmatisch – und das ist gut so. Dass wir in der Schweiz zur Zeit aber überhaupt wieder über politisch engagierte und relevante Filme diskutieren können, passt nicht allen in den politischen Kram. Und das wiederum ist, ganz neutral konstatiert, enorm entlarvend.